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Wenn der Chef abgeschafft wird…

Digitales Arbeiten ist auf dem Vormarsch, und da Mobile und Laptop neben einer guten WLAN-Verbindung eigentlich alles sind, was Wissensarbeiter für ihre alltäglichen Tätigkeiten brauchen, ist die Anwesenheit der Mitarbeitenden im Büro längst nicht mehr erforderlich. Aber natürlich ist es nicht ganz so einfach. Wenn die Mitarbeitenden nicht an Ort und Stelle sind, werden ganz neue Dinge notwendig: mehr Vertrauen, bessere Kommunikation, aber vor allem auch mehr Eigenverantwortung und damit… flachere Hierarchien.

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Kurzum: die Digitalisierung verlangt nach einer neuen Definition der Führung. Digital Leadership heisst hier das Stichwort. Darunter wird eine schnelle, hierarchieübergreifende, kooperative und teamorientierte Führung verstanden. Digitale Führungskräfte halten sich nicht an den alten „die Dienstwege müssen eingehalten werden“- Grundsatz, sondern verteilen Aufgaben und Kompetenzen je nach Projekt und Fähigkeiten der Mitarbeitenden, und setzen somit die spezifischen Fähigkeiten eines jeden Mitarbeiters gewinnbringend ein. Damit entsteht eine vollkommen neue Führungslogik, bei der das Netz aus Mitarbeitenden, die zusammen an einem Projekt arbeiten, in den Vordergrund tritt.

Alle sind Chef.

Bedeutet das nun, dass der Chef überflüssig wird? Natürlich nicht. Eine Führungsperson, die als Digital Leader agieren will, braucht nur einfach ganz andere Qualifikationen:

Wie der Name es schon vermuten lässt, muss der Digital Leader zuerst einmal offen für Digitalisierung und damit auch den Einsatz neuer Tools sein. Weiter werden vor allem Soft Skills benötigt – der Digital Leader braucht soziale Kompetenzen, denn ein gutes Teambuilding ist bei flachen Hierarchien essentiell für den Erfolg eines Unternehmens.

Anja Rassek schreibt in ihrem Beitrag zu Digital Leadership, dass ein Chef nicht alles wissen, sondern sich die richtigen Leute mit dem erforderlichen Know-How ins Team holen muss – am besten aus verschiedenen Bereichen, damit das Team von diversen Expertisen profitieren kann. Dabei kommt es aber zu einer neuen Schwierigkeit: Wenn sich Teams immer wieder neu zusammensetzen, werden unweigerlich Personen aus unterschiedlichen Generationen, mit mannigfachen Hintergründen, Ideen und Werten zusammenkommen. In solchen Konstellationen ist es nicht immer einfach, sich zu finden. Der Digital Leader muss deshalb gut mit dieser Diversität umgehen können und zwischen solch unterschiedlichen Persönlichkeiten vermitteln, so dass die Diversität zum Potential wird. Dazu gehört natürlich auch, dass der Digital Leader anderen zuhören und Inputs von anderen annehmen muss.

Das klingt eigentlich gar nicht so kompliziert, oder? Anscheinend ist es das aber. Denn laut einer Studie sind nur gerade 12% von weltweit 5’000 befragten Personalleitern für Digital Leadership geeignet.

Wenn alle informiert sind.

Ein Digital Leader nimmt also eine vernetzende, verbindende und gestaltende Position ein – und sorgt damit für einen guten Wissensaustausch im Unternehmen. Dieser Austausch von Wissen ist essentiell für ein Unternehmen mit flachen Hierarchien. Denn während bei steilen Hierarchien Informationen nur teilweise weitergegeben werden, müssen in einem Unternehmen mit flachen Hierarchien alle Beteiligten so gut informiert wie nur möglich sein, damit die Zusammenarbeit richtig funktionieren kann. Für hohe Transparenz zu sorgen ist deshalb eine weitere Aufgabe des Digital Leaders.

Dabei ist natürlich vor allem die Art der Kommunikation von grundlegender Wichtigkeit. Denn im Rahmen der Flexibilisierung von Teams wird es nicht nur notwendig, ständig Leute zusammen in Kontakt zu halten, die physisch nicht im selben Raum, ja vielleicht sogar nicht im selben Land sitzen, sondern auch immer wichtiger, dass alle Beteiligten schnell und einfach immer über die neusten Entwicklungen im Prozess informiert sind. Dabei gewinnen neue Kommunikationsmittel immer mehr an Bedeutung und die Kommunikation wird zunehmend in den digitalen Raum verschoben. Klar, auch das Email ist digital, aber mit Social Media und Team-Managementsystemen mit integrierten Direct Messengern geht’s einfacher, und vor allem schneller. Der grosse Vorteil davon ist, dass Entscheidungswege dadurch deutlich kürzer werden und durch die direkte Kommunikation eine deutlich höhere Reaktionsgeschwindigkeit erreicht werden kann.

Die Nachteile von flachen Hierarchien.

Selbstverständlich sind nicht alle begeistert von flachen Hierarchien. Manche sind mit gutem Recht zufrieden, ihre delegierte Arbeit zu erledigen, ohne dabei die Last der Verantwortung auf den Schultern zu spüren. Zudem bietet ein Unternehmen mit flachen Hierarchien deutlich weniger Karrierechancen. Denn obwohl es bei flachen Hierarchien oft schnellere Aufstiegsmöglichkeiten gibt, sind ganz einfach weniger Hierarchieebenen vorhanden, die man im Sinne einer Karriereleiter hinaufklettern kann. Ein paar wenige Sprossen werden jedoch wohl immer bleiben, denn es ist klar, dass Hierarchien nicht vollständig abgeschafft werden können. Je mehr Personen mitreden, desto schwerfälliger gestalten sich Entscheidungsprozesse, und es ist leicht, sich in endlosen Grundsatzdiskussionen zu verstricken, ohne vom Fleck zu kommen. Hier braucht es jemanden, der die Kompetenz hat, finale Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.

Machtverlust?

Bleibt uns also der Chef erhalten, verliert aber seine Macht? Und wenn ja, wäre das wirklich ein so grosser Verlust? Nicht unbedingt. Denn die Konzentration von Macht auf wenige Person kann die Innovationsfähigkeit und Wissenszirkulation unterbinden. Da in steilen Hierarchien oft einer denkt und der andere ausführt, besteht die Gefahr, dass der Ausführende die eigene Arbeit nicht im Zusammenhang des Prozesses versteht, was sich demotivierend auswirken kann und die Identifikation mit dem Unternehmen erschwert.

In einem Unternehmen mit flachen Hierarchien können alle Beteiligten Ihre Kompetenz einbringen – was manchmal wahre Wunder vollbringen kann. Denn jemand der selber Mitgedacht hat, und einen Prozess mitgestalten durfte, hat eine grössere Arbeitsmotivation, fühlt sich für den Ausgang verantwortlich und identifiziert sich stärker mit dem Unternehmen. Zudem kann das Potential eines Jeden Beteiligten deutlich besser genutzt werden, denn durch flexible Aufgabenverteilung kann auf persönliche Neigungen besser eingegangen werden. Vernetzte Intelligenz heisst hier das Erfolgsrezept.

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