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Von Work-Life-Balance zu Work-Life-Integration

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Es ist 8 Uhr am Morgen. Ich öffne mein Notebook. Zur Rechten Espresso, zur Linken Notizblock und Smartphone. Noch schnell einen Entwurf für den nächsten Blog-Artikel verfassen, denn schon in zwei Stunden beginnt meine nächste Vorlesung an der Universität. Nun bin ich kein freier Mitarbeiter oder betreibe gar meinen eigenen Blog. Trotzdem spielt sich die Szenerie heute bei mir zu Hause ab – an meinem Schreibtisch, mit eigenem Arbeitsgerät; fernab von Grossraumbüros und Konferenzräumen. Auf diese Weise zu arbeiten, ermöglicht mir die sogenannte “Work-Life-Integration”.


Von Work-Life-Balance zu Work-Life-Integration.

Work-Life-Balance dürfte mittlerweile jedem ein Begriff sein. Die richtige Balance zwischen Beruf und Freizeit zu finden, galt und gilt noch heute oftmals als höchstes aller Ziele, wenn es darum geht, ein glückliches Leben im Einklang mit einer erfolgreichen Karriere zu führen.

Diese Balance impliziert aber auch in gewisser Weise eine strikte Trennung von “Arbeit” und “Leben”. Konsens dabei ist: Um nach der Arbeit abschalten zu können, sollte man sich ausserhalb der geregelten Arbeitszeiten nicht mit dem Job beschäftigen. Doch ist das überhaupt noch möglich? Und hilft diese Trennung um glücklicher zu leben? Für viele Berufe lautet die Antwort mittlerweile “Nein!”.

Grenzen verschwimmen immer mehr.

Schon bei der Definition von “Arbeit” und “Leben” geraten sicher einige in Schwierigkeiten, die Begriffe voneinander abzutrennen. Es ist nämlich häufig so, dass der Beruf auch als Berufung gelten soll: Arbeit als die eigene Passion zu sehen, die einen erfreut, ohne die man kaum glücklich sein könnte. Somit verschwimmen die Grenzen schon von vorneherein. Andere haben aber auch einfach keine andere Wahl, als die Arbeit in ihr Privatleben zu integrieren und müssen den Anforderungen des Arbeitgebers folgen um Jobsicherheit zu gewährleisten und Aufstiegsmöglichkeiten nicht zu verbauen.

Der technologische Fortschritt macht das Ganze erst möglich und sorgt schliesslich dafür, dass die Grenzen verschwimmen. Das sieht dann so aus: Push-Notifications bei jeder eingehenden Mail. Selbst vor dem Zubettgehen ertappt man sich doch des Öfteren dabei, noch einmal die eingehenden Nachrichten zu prüfen. Für den Urlaub wird selbstverständlich ein Auslandsdatenpaket gebucht, aber nicht nur, um mit Freunden und Verwandten in Kontakt zu bleiben. Denn selbst am Pool wird dem Chef noch Rapport geleistet. FOMO (engl.: Fear of missing out) packt einen. Man möchte ja nichts von dem verpassen, was sich im Betrieb abspielt.

Mach das Beste daraus.

Nun fällt es leicht, unser marktwirtschaftliches System und unsere moderne Leistungsgesellschaft zu verteufeln oder die zunehmende Technologisierung an sich zu verurteilen. Beklagen hilft allerdings wenig – dies ist die aktuelle Situation für viele Arbeitskräfte, und am Status Quo wird sich von heute auf morgen nichts ändern. Also sollte man das Beste daraus machen und Work-Life-Integration passend einsetzen.

Die Verbindung von Berufs- und Arbeitsleben bringt nämlich auch einige Vorteile mit sich. In vielen Betrieben sind Fitnesscenter für die eigenen Mitarbeiter mittlerweile Standard. Auch Yogastunden werden gerne einmal angeboten. Kindertagesstätten stehen in grösseren Konzernen für die Kinder der Arbeitnehmer bereit, manchmal werden sogar Stillräume angeboten. Das sind nur die “kleinen” Fringe Benefits.

Flexible Arbeitszeitmodelle sind in vielen Berufsfeldern erst durch die neuere technische Entwicklung ermöglicht bzw. stark verbessert worden, Telearbeit per Videokonferenz oder leichter Austausch der benötigten Daten über Cloudspeicher ebenso. Ausserdem bieten immer mehr Firmen Sabbaticals an, längere Auszeiten, in denen sich die Mitarbeiter voll und ganz persönlichen Dingen widmen zu können.

Wie sollten Unternehmen also vorgehen?

Grundsätzlich ist es schwierig, ein allgemeingültiges “Rezept” für alle Firmen zu finden. Ohnehin werden es beispielsweise kleine und mittlere Unternehmen schwer haben, Angebote wie eigene Kinderkrippen oder Fitnesscenter anzubieten. Für die meisten Arbeitnehmer werden Möglichkeiten zur flexiblen Arbeitszeitenplanung ohnehin wichtiger sein. Tatsächlich kann dadurch auch eine Produktivitätssteigerung mit einhergehen. Ausserdem wird in der Theorie die Zufriedenheit der Mitarbeiter positiv beeinflusst, die Bindung ans Unternehmen erhöht, Motivation und Loyalität gefördert. Man könnte also von einer nachhaltigen Förderung der Produktivität und zugleich der Mitarbeiterzufriedenheit sprechen.

Theorie ≠ Praxis

“Könnte” deshalb, da die praktische Umsetzung in der Arbeitswelt oft anders aussieht. Zwar entscheiden sich immer mehr Mitarbeiter für flexible Arbeitszeiten, doch bringen sie oft auch erhöhten Leistungsdruck mit sich. Häufig hängt dies auch mit Teilzeit- und Telearbeit zusammen. Arbeiten von zu Hause aus wird stellenweise nicht so gewürdigt wie der gewöhnliche Bürojob. Der Vorteil von zu Hause arbeiten zu können, wird dann als Argument genutzt, der Arbeitnehmer könne doch auch “mal etwas mehr erledigen”.

Darüber hinaus ist zwar oft die Rede von Teilzeitmodellen und flexiblen Arbeitszeiten, jedoch nicht in positiver Konnotation. Häufig bestimmt nämlich der Arbeitgeber die “flexiblen” Arbeitszeiten – fordert beispielsweise kurzfristig Mitarbeiter zu Mehrarbeit auf, wenn grössere Aufträge anliegen. Der vermeintliche Vorteil von flexiblen Arbeitszeiten wirkt sich schlussendlich gegenteilig für den Arbeitnehmer aus.

Win-Win unmöglich?

Nein! Um einen Nutzen für beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – zu erzeugen, haben die Unternehmen auch die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu berücksichtigen. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit ist für den Mitarbeiter dann sinnvoll, wenn er selbst auch tatsächlich über den Stundeneinsatz entscheiden darf und somit Berufliches miteinander verbinden kann. So entsteht tatsächliche Work-Life-Integration.

Ein gutes Beispiel liefert die Studie der Swisscom und der SBB (in Zusammenarbeit mit der FH Nordwestschweiz). Dabei nutzten Mitarbeiter beider Firmen variable Arbeitszeiten, um auch die zeitlichen Nachteile des Berufsverkehrs zu vermeiden. Es wurde mehr Home-Office betrieben, aber dabei nicht mehr Stunden als üblich abgeleistet. Trotzdem berichtete fast jeder Zweite von erhöhter Produktivität und sogar qualitativ besseren Arbeitsergebnissen. Somit wäre einerseits die Arbeitgeberseite zufriedengestellt, andererseits aber auch die Arbeitszufriedenheit und Motivation der Arbeitnehmer verbessert.

Wenn faire Bedingungen von beiden Seiten gegeben sind, können also sowohl Unternehmen als auch Mitarbeiter von der Flexibilisierung profitieren. Die damit einhergehende Integration der beruflichen Aktivitäten in das Leben der Mitarbeiter kann also funktionieren – Work-Life-Integration löst Work-Life-Balance ab.


Ich öffne mein Notebook. Es ist halb neun am Abend. Zur Rechten Pfefferminz Tee zur Linken schon erledigte Mathe-Übungen für die Uni. Die Haushaltsaufgaben sind erledigt. Das Smartphone hängt an der Steckdose. Zeit noch einmal den Artikel Korrektur zu lesen.

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