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Fachkräftemangel… Oder sind die Unternehmen einfach nur zu anspruchsvoll?

Fachkräftemangel – in den letzten Jahren eines der meist diskutiertesten Themen in den Medien. Immer wieder hört man von Seiten der Unternehmen, dass es nicht ausreichend viele Bewerber gibt und deshalb eine grosse Anzahl an Stellen unbesetzt bleibt. Doch welche Rolle spielen die Unternehmen dabei eigentlich?

Laut dem Personalvermittler Manpower haben in der Schweiz 41 Prozent der Unternehmen Mühe Fachkräfte zu finden. Liegt das denn nun an dem Mangel an Fachkräften oder gibt es auch eine andere Erklärung dafür?

Gesucht werden nicht selten junge Absolventen bis Mitte 20 mit einem Hochschulabschluss in einem MINT-Fach und 15 Jahren Berufspraxis. Ausserdem sollten die Gesuchten durchsetzungsstark und teamfähig sein, 10 Jahre Auslandserfahrung haben, mehrere Fremdsprachen fliessend sprechen, und so weiter.“ – Prof. Beckmann, Universität Basel

Der Aussage von Prof. Beckmann aus unserem ersten Teil der Serie, möchten wir daher in diesem Beitrag nachgehen und näher beleuchten, denn vielleicht ist der Mangel ja gar nicht von ökonomischer Natur, sondern liegt schlicht und ergreifend daran, dass die Arbeitgeber zu hohe Wünsche und Anforderungen an ihre Bewerber stellen?

Wer oder was ist ein “Talent”?

Definitionssache. Wer schon mal Stellenausschreibungen studiert hat, der weiss, dass viele Unternehmen insbesondere nach flexiblen, jungen und daher kostengünstigen Personen suchen, die gleichzeitig schon mehrere Jahre Berufserfahrung haben (Hallo, eierlegende Wollmilchsau). Doch solch ein idealer Kandidat, der alle erwünschten Kenntnisse mitbringt, existiert meistens gar nicht.
Die Konsequenz? Ein zu eng gefasstes Anforderungsprofil schränkt nicht nur die Unternehmen in ihrer schlussendlichen Auswahlmöglichkeit an Bewerbern ein, sondern schreckt viele Interessenten und potenzielle Bewerber auch ab.
Die meisten Unternehmen reihen in ihren Stellenanzeigen lediglich leere Standardformulierungen kombiniert mit ‚modischen’ Schlagworten aneinander, ohne jegliche Individualität, in der Hoffnung eine „besondere“ Person wird sich darauf bewerben.
Doch wer gibt schon zu, dass er nicht teamfähig, organisiert und zuverlässig ist?
Selektiert werden kann dann, wenn es um die Anzahl der Jahre Berufs- und Auslanderfahrung, dem absolvierten Studium und den gesprochenen Sprachen geht. Und dies kann unter Umständen sehr abschreckend sein. (Übrigens: An die Unternehmen mit den abschreckendsten Stellenanzeigen wird jährlich sogar ein Award verliehen – die „goldene Runkelrübe“. Aber zurück zum Thema.)
Viele Unternehmen begründen dies womöglich damit, dass sie auf diese Art sicherstellen, dass sich nur die talentiertesten und besten Personen bewerben, doch wer erfüllt schon all die Anforderungen? Und passiert dann nicht sogar das Gegenteil und die „besten“ Talente schauen sich bei anderen Unternehmen bzw. der Konkurrenz um?
Dazu kommt, dass es auch nicht unbedingt ein Zeichen der Bewerberfreundlichkeit ist, wenn die Anforderungen, die das Unternehmen stellt, doppelt so lange sind wie die Perspektiven, die das Unternehmen dafür bietet – oder, wenn das Unternehmen in der Stellenanzeige erst gar nichts zu „bieten“ hat, wie in unserem Beispiel unten.
Oben geschilderte Ereignisse führen dann schlussendlich dazu, dass Firmen von einem Fachkräftemangel sprechen, der eigentlich pauschal nicht vorhanden ist, sondern dem allzu strengen Selektionsverhalten geschuldet ist.

Bild 1: Auszug aus einem Inserat für ein Praktikum in der Banken- und Finanzbranche
Bild 1: Auszug aus einem Inserat für ein Praktikum in der Banken- und Finanzbranche
Bild 2: Auszug aus einem Inserat für eine Festanstellung in der Konsumgüterindustrie
Bild 2: Auszug aus einem Inserat für eine Festanstellung in der Konsumgüterindustrie

Utopische Anforderungen die Regel?

Bei manchen Branchen, wie beispielsweise der MINT – oder der Gesundheitsbranche kann man von einem Mangel an Fachkräften ausgehen – doch pauschal kann es nicht auf alle Branchen übertragen werden. Bei anderen gleicht es eher dem „Jammern auf hohem Niveau“, wie es so schön heisst. Dort liegen Personalengpässe nämlich nicht immer an den fehlenden Fachkräften, sondern oft an den zu hohen Anforderungen und der geringen Flexibilität innerhalb der Unternehmen.
Aber zum Glück sind utopische Anforderungen nicht die Regel. In der Hinsicht kann man sich oft kleinere Unternehmen und innovative Startups zum Vorbild nehmen, denn diese müssen in der Rekrutierung oft kreativer sein, um ohne grosses Budget gute Mitarbeiter anzuwerben.
Denn wer im Kampf um Fachkräfte mithalten will, muss selbst die Initiative ergreifen und nicht nur fordern, sondern seinen Mitarbeitern auch etwas bieten. Heutzutage tragen neben dem Gehalt auch vermehrt flache Hierarchien, der Innovationsgrad des Unternehmens, die Möglichkeit sich kreativ zu entfalten und die Einbindung der Mitarbeiter zu der Entscheidung des Arbeitgebers bei.
Mit einer originellen und sympathischen Stellenausschreibung, realistischen Anforderungen sowie das zur Verfügung stellen von nicht-monetären Benefits lassen sich gute Bewerber finden. Und durch Möglichkeiten von Aus- und Weiterbildungen können auch Bewerber, die auf den ersten Blick nicht als 100% passend erscheinen, sich trotzdem zu den besten Talenten entwickeln.

Bild 3: Auszug aus einem Inserat für eine Festanstellung in der Konsumgüterindustrie/Handel
Bild 3: Auszug aus einem Inserat für eine Festanstellung in der Konsumgüterindustrie/Handel
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