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Die Schreckgespenster der Candidate Experience, oder: So nicht!

Keine Rückmeldung auf die Bewerbung, endlose Assessments, eine herablassende Atmosphäre beim Jobinterview – solche Erfahrungen sind ärgerlich, und leider nicht allzu selten. In bereits erschienenen Blogbeiträgen, haben wir uns mehrmals mit dem Thema Candidate Experience aus Sicht der Unternehmen befasst. Nun ist es an der Zeit, auch die Kandidaten selber zu Wort kommen zu lassen. Wir haben dafür viele Bekannte zu ihren Erlebnissen während Bewerbungsprozessen befragt. Das Resultat ist zwar nicht vollkommen repräsentativ, aber es zeigt eine gewisse Tendenz in Richtung haarsträubend… poor experienceDie Antwort.

Dass eine schnelle Reaktionszeit für eine gute Candidate Experience grundlegend ist, haben wir in unserem Blog schon mehrmals erwähnt. Deshalb wollten wir in der Umfrage wissen, wie lange denn die durchschnittliche Wartezeit betrug, bis auf eine Bewerbung eine Antwort (Absage oder Einladung zum Gespräch) folgte: Während 15% innerhalb von 7 Tagen eine Antwort erhielten, wartete der grösste Teil (62%) um die zwei Wochen und 23% wurden sogar 30 Tage oder länger im Unklaren gelassen. Wenn auch zwei Wochen und mehr definitiv keine Glanzleistung sind, ist die Sache mit der durchschnittlichen Antwortquote aber noch schlechter: Denn 84% aller Befragten mussten schon oft erleben, dass sie auf eine eingeschickte Bewerbung überhaupt nie eine Rückmeldung erhielten. Diese Zahl ist – gelinde gesagt – unschön. Ebenfalls unschön ist die Tatsache, dass rund 23% der Befragten selbst dann nie eine Rückmeldung erhalten haben, wenn sie bereits beim Vorstellungsgespräch waren! Candidate Experience bye-bye.

Das ewige Warten.

Nun aber zu den Einzelschicksalen: Zu den wohl nervigsten Erlebnissen im Bewerbungsprozess gehört das ewige Warten und die damit verbundene Ungewissheit:

„Ich habe drei Monate lang vom Unternehmen keine Rückmeldung erhalten und wurde dann plötzlich doch eingeladen.“ (Luca*)

Besonders ärgerlich ist eine fehlende Rückmeldung aber dann, wenn man bereits beim Vorstellungsgespräch war. Man hat sich ja immerhin die Zeit genommen, hat sich dafür ins Auto oder in den Zug gesetzt und vor allem: man hat sich intensiv mit dem Unternehmen beschäftigt. Genau dies passierte Martina: Sie musste drei Wochen nach dem Vorstellungsgespräch selber anrufen, um herauszufinden dass man sich für jemand anderen entschieden hatte.

„Die Frau am Telefon erkundigte sich, wer denn meine Kontaktperson sei. Als ich den Namen nannte, antwortete sie mit «Ach so… Dann ist es gut, dass Sie sich selber gemeldet haben». Für mich war klar, dass diese Person wohl öfters vergisst, sich bei den Kandidaten zu melden. Seitdem erkundige ich mich immer ganz genau, ab wann ich mit einer Antwort rechnen kann und rufe nach Ablauf der angegebenen Zeit gleich selber an.“ (Martina*)

Falscher Stellenbeschrieb.

Hat man es in die 1. Gesprächsrunde geschafft, so freut man sich in den aller meisten Fällen sehr (schliesslich hat man sich diese Stelle und das Unternehmen ja auch ausgesucht und WILL da hin!). Nicht schön ist dann aber, wenn man während des Gesprächs herausfinden muss, dass die Stellenausschreibung so Null-Komma-Rein-Gar-Nichts mit der Position zu tun hat, für die man sich eigentlich am Vorstellen ist. Dies hat auch Helen erlebt. Bei ihr hat sich erst beim Vorstellungsgespräch herausgestellt, dass der Stellenbeschrieb, auf den sie sich beworben hatten, überhaupt nicht zur Vakanz passte:

„Sie haben mir beim Gespräch eine Stellenbeschreibung mit genau demselben Titel vorgelegt. Nur der Aufgabenbeschrieb darunter war ein völlig anderer. Aus einer reinen Marketing- und Kommunikationsstelle, wurde plötzlich eine Sales-Stelle mit nur wenigen Marketingaufgaben. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich mich nie darauf beworben.“ (Helen)

Die Bedingungen.

Bewerbungsprozesse können bekanntlicherweise die unterschiedlichsten Formen annehmen. Manche bestehen nur aus Gesprächen, weitere auch aus einem Probetag und bei anderen wiederum müssen die Bewerber Assessments durchlaufen. Auch Jonas musste für eine Stelle ein solches Assessment durchlaufen und hat keine gute Erfahrung damit gemacht.

„Das Assessment dauerte ellenlang und ich wusste schon ziemlich früh, dass ich den Job auf keinen Fall machen will. Obwohl ich dies der Verantwortlichen kommunizierte, musste ich das ganze Assessment bis zum Schluss mitmachen. Während dem Prozess aufzuhören, war keine Option. Sowas geht gar nicht!“ (Jonas*)

Einen Probetag finden wir grundsätzlich gut, denn nirgends kann man die zukünftigen Kollegen und die Aufgaben besser kennenlernen, als wenn man während einem Tag ins Unternehmen und seinen Alltag blicken kann. Probetage können aber auch sehr schnell in Richtung „Ausnutzen“ ausarten; vor allem wenn es gleich mehrere sind. Dies musste besonders Julie am eigenen Leib erfahren, die eine ganze Woche Probe arbeiten musste – unbezahlt, versteht sich!

Und dann das mit dem Unter-Druck-Setzen.

Auch interessant ist die Sache mit dem Unter-Druck-Setzen, wenn man zwar eine positive Antwort erhält, sich aber auf der Stelle entscheiden muss, ob man die Stelle will oder nicht. Dies war bei Alice* der Fall. Als sie von einem Unternehmen per Telefon die Bestätigung bekam, dass man sich für sie entschieden habe, freute sie sich darüber, erkundigte sich aber dennoch, ob es möglich sei „noch einmal darüber zu schlafen“. Diese Gnadenfrist wurde ihr nicht gewährt und Alice entschied sich konsequenterweise gegen das Unternehmen.

Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Sprichwörter sind schön und gut, aber dieses hier sollten Sie sich im Umgang mit Bewerbern zu Herzen nehmen. Denn eines sollte die Candidate Experience ganz gewiss nicht sein: haarsträubend! Sicher ist es nicht immer einfach, schnell zu sein, denn manchmal dauern Abstimmungsrunden einfach länger oder es kommt etwas dazwischen. Es kann auch mal etwas vergessen gehen. Wichtig ist in solchen Situationen aber immer die Art und Weise, wie man damit umgeht und kommuniziert. Eine offene Kommunikation ist dabei das A und O und vermittelt dem Bewerber das Gefühl, dass er wertgeschätzt und ernst genommen wird. Und das wirkt sich dann positiv auf seine Gefühle, die er dem Unternehmen gegenüber empfindet, und die Art, wie er zukünftig über das Unternehmen spricht, aus – selbst im Falle einer Absage.

* Alle Namen wurden abgeändert.

Published inAllgemein

2 Kommentare

  1. Bernd Nienhaus Bernd Nienhaus

    Ich habe mich nach meiner Umschulung zum Fachinformatiker für Systemintegration deutlich über 200 mal beworben, über 90 Absagen erhalten und von den restlichen Firmen höre und lese ich nie wieder etwas. Ich habe 10 Einladungen zum Vorstellungsgespräch erhalten. Natürlich hat man sich immer für jemanden anderes entschieden(vielleicht aber auch nur Schaumschlägerei betrieben, wo keine Stelle zu besetzen war: unprofessionell).

    In einem Fall wurde ich sogar 2 mal eingeladen, einmal zum Info-Gespräch und dann noch einmal zum Auswahlgespräch. Besonders peinlich: Arbeitgeber wäre eine Kreispolizeibehörde gewesen. 2 Tage nach dem Auswahlgespräch hatte ich die Absage im Postfach. 3 Stunden später rief mich der Polizist an, mit dem ich das Info- und Auswahlgespräch schon durchführte. Auf Anfrage erklärte er mir, dass mein Lebenslauf keine nennenswerten Aspekte beinhalten würde, die sich mit den geforderten Tätigkeitsinhalten decken würde. Eine bescheidene Frage: aus welchem Grund wurde ich 1. zum Info-Gespräch und 2. zum Auswahlgespräch eingeladen, obwohl die Absage schon im Vordruck war? Aus rein menschlicher Sicht ist so etwas nicht zu rechtfertigen. Entweder lädt man als Arbeitgeber Leute zum 1. und 2. Gespräch ein, bei denen eine Einstellung als sehr wahrscheinlich anzusetzen ist, ober man schickt die Absage nach dem 1. Gespräch raus, wenn zu erwarten ist, dass man den Bewerber nicht einstellen will.

    Mir soll niemand mehr mit der Aussage kommen, dass in Deutschland Fachkräftemangel im Bereich der IT herrscht. Es handelt sich definitiv um eine hausgemachte Lüge seitens der Bundesregierung. Wenn ich, so wie zuletzt am Montag geschehen, zum Vorstellungsgespräch eingeladen werde und Hoffnungen daran knüpfe,
    frage ich mich, wie jemand gerade im IT-Segment ohne einen Tag der Einarbeitung seine Arbeit verrichten kann.

    Aus eigener Erfahrung aus der IT-Welt, die ich seit 1995 gesammelt habe, kann ich sagen, dass man alles lernen und ggf. sich selbst beibringen kann. Was nützt das aber,
    wenn Unternehmen auch jetzt noch glauben, dass man sich 1. die Finger nach einem Job bei Ihnen leckt und 2. in allen Bereichen gleichermaßen alles kann?

    Entschuldigen Sie bitte, dass ich das so deutlich sage: die Unternehmen tragen leider meistens selbst die Schuld ihrer Misere. Worauf ist das zurückzuführen bzw. womit begründe ich das? Wo immer ich Stellenanzeigen lese, ist von einer mehrjährigen Berufserfahrung die Rede, die der Bewerber mitbringen soll. Das heißt im Klartext aber auch: liebe Wettbewerber, bildet für mich bitte anständiges Fachpersonal aus, welches ich dann gern übernehmen werde. Ich selbst habe keine Lust oder keine Zeit dazu.

    Wenn ich das mal mit harten Worten ausdrücken soll: niemand wird als Unternehmer geboren. Da muss man auch erst hineinwachsen. Es wird jedoch vom hohen Ross herunter belächelt, dass da jemand ist, der für sich und seine Familie sorgen will und muss. Mit welchem Recht? Viele Unternehmer sind heutzutage Schmarotzer oder benehmen sich wie solche. Woher kommt sonst der Niedrig- oder Hungerlohnsektor? Woher kommt die Zeitarbeit, bei der man für 8,50 Euro brutto/Stunde arbeiten soll, obwohl der festangestellte Kollege bei gleicher Arbeit den doppelten Lohn erhält?

    Wir können auf unser Land hinsichtlich der Arbeitsmarktsituation längst nicht zufrieden sein. Denn was nützt das Wort Vollzeit-Beschäftigung, wenn man davon trotzdem nicht leben kann?

    Die oben genannten Aspekte spiegeln meine eigene Erfahrung und Einschätzung der hierzulande gelebten Philosophie wider.

  2. Sehr geehrter Herr Nienhaus

    Vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre Ausführungen. Das ist wirklich unglaublich – so geht man mit Bewerbern definitiv nicht um! Und ja, Sie haben Recht: Wie man in den Wald ruft.., gilt auch für Unternehmen. Es nützt nichts, wenn man sich gegen aussen als Top-Arbeitgeber darstellt und dann in wichtigen Prozessen wie der Rekrutierung so kläglich versagt. Das spricht sich irgendwann rum und fällt dann auf das Unternehmen und sein Image als Arbeitgeber zurück. Und zwar nicht im Guten.

    Das Thema Fachkräftemangel wird uns übrigens in nächster Zeit noch etwas stärker begleiten. Wir starten demnächst eine Serie dazu und werden es von möglichst vielen Seiten beleuchten. Und definitiv auch von der Seite, dass Fachkräftemangel -zumindest teilweise- auch hausgemacht ist.

    Ich wünsche Ihnen alles Gute!

    Herzliche Grüsse
    Sarah Ursprung

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