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Bewerbung von XY – Anonymisierte Bewerbungen

Im letzten Beitrag berichteten wir von Berufsnetzwerken, bei denen die perfekte Selbstdarstellung Teil einer erfolgreichen Jobsuche ist. Heute dreht sich alles um einen konträren Ansatz: Anonymisierte Bewerbungen. Wie können sie Diskriminierung abbauen und wie gut funktioniert das?

Wie die Bezeichnung schon vermuten lässt, werden die Bewerbungen dabei unkenntlich gemacht. Das bedeutet: Name und Geschlecht der Bewerberin bzw. des Bewerbers tauchen in den Unterlagen nicht auf. Bewerbungsbilder werden überflüssig bzw. sind nicht zugelassen. Alle Daten, die auf Herkunft und Alter hinweisen könnten, entfallen.

In Nordamerika gang und gäbe.

In den USA werden schon seit den 60er Jahren Bewerbungen ohne Bild, Alter und Geschlecht versendet. Belgien besetzt mittlerweile alle Stellen des öffentlichen Dienstes über anonymisierte Bewerbungen. Im deutschen Sprachraum ist das eher ungewöhnlich. Mehr als diverse Pilotprojekte seit dem Jahr 2010 kamen nicht zu Stande. Die Personalabteilungen scheinen nach wie vor eher skeptisch gegenüber dem anonymisierten Verfahren.

Höhere Frauenquote durch Anonymisierung.

Dabei reduziert das Verfahren tatsächlich die Diskriminierung im Bewerbungsprozess. Ein Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Zusammenarbeit mit grossen Unternehmen wie der Telekom, Procter & Gamble und der deutschen Post, führte zu einer höheren Frauenquote bei der Nutzung der anonymisierten Bewerbung im Vergleich zum konventionellen Bewerbungsverfahren. Die Diskriminierung von Kandidaten mit Migrationshintergrund konnte ebenfalls reduziert werden.

Den Fokus vom Bewerbungsbild weg- und zu den eigentlichen Daten des Bewerbers hinzulenken, führten auch einige Personalverantwortliche als Vorteil an. Die negative wie positive Beeinflussung durch die fehlenden Angaben und Bilder entfällt – Chancengleichheit entsteht.

Contra anonymisierte Bewerbung.

Doch die anonymisierte Bewerbung bringt auch einige Nachteile mit sich: Bevor anonymisierte Bewerbungen möglich sind, müssen die Unternehmen umständliche formale Anforderungen erfüllen. Die Bewerbungen sind schliesslich vorher zu anonymisieren. Plus: Nach dem ersten persönlichen Kennenlernen ist die Chancengleichheit wieder dahin.

Ausserdem entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Kandidat und Arbeitgeber. Ohne jegliche Personalien kann das Unternehmen nicht wissen mit wem man es zu tun hat. Anonyme Bewerber könnten vertrauliche Informationen erfragen.

Geht die Persönlichkeit verloren?

Viel schwerer wiegt aber der Aspekt, dass individuelle Eigenschaften, persönliche Dinge, die für Personaler wichtig sein könnten, wegfallen. Passt der Bewerber zur Vakanz? Ins Team? Zur Unternehmenskultur? Andreas Frintrup (Vorstand des Personaldienstleisters HR Diagnostics im Gespräch mit der FAZ) geht davon aus, dass durch anonymisierte Bewerbungen die Gesamtwürdigung der Person nicht mehr möglich sei. Dabei entstehe dieses Problem nicht nur für den HR-Manager, sondern auch beim Bewerber werde ein “Gefühl von Ohnmacht” erzeugt. Die Reduzierung auf reine Daten hält er daher nicht für sinnvoll.

Anonymisierte Bewerbung (bei uns) in weiter Ferne.

Die anonymisierte Bewerbung scheint ein wirkungsvoller Ansatz zur Reduzierung der Diskriminierung im Bewerbungsverfahren zu sein. Diskussionen über Frauenquoten, die Problematik eines ausländischen Namens oder auch die eines unattraktiven Bewerberfotos; dies alles würde hinfällig, wenn der Arbeitgeber nicht auf den ersten Blick entscheiden kann, ob eine Person ihm sympathisch ist oder nicht. Die aufgezeigten Schwächen der anonymisierten Bewerbung sind allerdings ebenfalls nicht wegzudiskutieren. Die Vorbilder Belgien und USA zeigen, dass die Idee zwar durchaus umsetzbar ist. Bis die anonymisierte Bewerbung jedoch im deutschsprachigen Raum Einzug hält, werden wohl noch einige Jahre vergehen; zu gross ist die Skepsis vieler Unternehmen. Wie aber sind diese Unternehmen davon zu überzeugen? Eines ist klar: Damit das Verfahren tatsächlich hierzulande ankommen kann, müssen sich möglichst viele Arbeitgeber beteiligen. Denn damit die anonymisierte Bewerbung ihre volle Wirkung entfalten kann, müsste sie flächendeckend eingesetzt werden.

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